Fossile Schätze ruhten im Schlamm

von Martina Thöne


Wuppertal. Sie sind Zeugen der Urzeit - trotzdem wirken sie zerbrechlich. Kein Wunder: Die fossilen Konturen, die sich hinter den Vitrinen des Fuhlrott-Museums abzeichnen, sind so deutlich, dass zarte Federansätze an Schwanz oder Rücken und selbst die Mageninhalte kleiner Dinosaurier zu sehen sind.

Die Frage, wer zuerst existierte, hat denn auch neue Nahrung bekommen. Stammt der Dinosaurier vom Vogel ab - oder umgekehrt? Eine endgültige Antwort vermag zwar auch die Ausstellung "Fossile Schätze Chinas" nicht geben. Ganz sicher möchte Prof. Dr. Hans Hermann Schleich aber mit "weltweiten Unikaten" Bewegung in die wissenschaftliche Diskussion - und neugierige Besucher ins Museum bringen.

"Die Fundstücke sind bis zu 530 Millionen Jahre alt, aber hervorragend erhalten", strahlte Schleich gestern Abend. Mit viel Respekt und noch mehr Stolz gab der Museumsleiter den Blick auf fossile Frösche, Muscheln und Fische frei, die - als Leihgaben des Geologischen Museums in Nanjing - hochversichert hinter Vitrinengals schlummern. Bis September bleiben die exotischen Blickfänge in Wuppertal.

Dabei ist nicht nur die Entdeckung der urzeitlichen Lebewesen, die bis vor wenigen Jahren - weich gebettet - in einem verschlammten, ehemaligen Binnensee im Süden Chinas lagen, wahrhaft einmalig. Einzigartig dürfte auch der "unprofessionelle" Ehrgeiz sein, der die Relikte aus der so genannten "Jehol-Lebensgemeinschaft" und der "Chengjiang-Fauna" ans Tageslicht beförderte. "Die Urzeittiere wurden größtenteils von Bauern gefunden, die in China an der Grenze zur Armut leben und ihre Äcker auf der Suche nach Bodenschätzen weitreichend umgraben", staunte Schleich über den Erfolg laienhafter Schatzjäger. "Fünf gefiederte Saurierarten wurden bisher weltweit entdeckt. Drei sind in Wuppertal zu sehen."

Ihr Gastspiel im Fuhlrott-Museum wurde vom Ministerium für Städtebau, Wohnen, Kultur und Sport möglich gemacht - und weitestgehend finanziert: "Wir haben quasi ein ganzes Museum nach Wuppertal verschifft", erklärt Schleich. "Die wertvolle Wabderausstellung haben wir nur bekommen, weil das alte Museum in China abgerissen und zurzeit renoviert wird".

Steinzeitlich ist für den Direktor indes das Verhalten des Frankfurter Zolls, der drei Exponate zwischenzeitlich beschlagnahmt hatte (die WZ berichtete): "Das ist traurig und peinlich. Vor allem unseren chinesischen Gästen gegenüber." Eine hochoffizielle Delegation war eigens zur Ausstellungseröffnung angereist.

In den nächsten Monaten gewährt das Museum aber nicht nur fossile Einblicke in die Urzeit. Auch eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Ren Rong wurde gestern eröffnet. Aktionen für Kinder, Kunst- und Musikbegeisterte sollen folgen.
Quelle: Westdeutsche Zeitung Freitag, 6. April 2001
 
Zoll hält fossile Sensationen auf

"Fossile Schätze Chinas" zeigt das Fuhlrott-Museum ab Donnerstag. Drei Stücke der Ausstellung liegen allerdings noch auf Eis.

Was auf den ersten Blick wie ein abgenagter Fisch aussieht, ist eine fossile Sensation: 90 Urzeittiere - hier ein "Sinohydrosaurus lingyanensis" - sind bis September im Fuhlrott-Museum zu bewundern.



von Martina Thöne

Wuppertal. Für den Museumsdirektor ist es "ein wichtiger Blick über den bergischen Tellerrand", für die Anderen ist es vermeintliche Steuerhinterziehung. Und das hat unerwartete Folgen: Ein gefiederter Dinosaurier, ein "herkömmlicher" Artgenosse ohne Federschmuck und ein Urvogel, die eigentlich im Fuhlrott-Museum die Blicke auf sich ziehen sollten, liegen vorerst beim Zoll.

Denn wenn die ganze (westliche) Welt auf Wuppertal blickt, kommt genau das deutschen Zollbeamten offensichtlich chinesisch vor. "Eine chinesische Delegation, die uns zwei Dinosaurier und einen Urvogel im Handgepäck mitbringen wollte, wurde der Steuerhinterziehung verdächtigt", sagt Professor Dr. Hans Hermann Schleich, Direktor des Fuhlrott-Museums, und schüttelt ungläubig den Kopf. Nicht mal die hochoffizielle Erlaubnis von Ministerium und Botschaft konnte die Unwissenden am Frankfurter Flughafen von der Einmaligkeit der Wuppertaler Mission überzeugen.

Beschlagnahmt wurden die betagten Ausstellungsstücke, weil Beamte den wissenschaftlichen Wert der sensationellen Funde schlichtweg nicht zu schätzen wussten, sondern vermuteten, dass das tierische Trio - als Handelsware - verkauft werden sollte. Dabei sind die beschlagnahmten Exponate "unsere wichtigsten Ausstellungsstücke" und damit von schier unschätzbarem Wert: "Fossile Schätze Chinas" zeigt das Fuhlrott-Museum ab Donnerstag mit dem entsprechenden Stolz.

"Die Ausstellung ist erstmals in der westlichen Welt zu sehen", betont Schleich. Sechs Monate lang werden Urvögel, muschelähnliche Weichtiere und versteinerte Überreste der so genannten "Chengjiang-Fauna" zu bewundern sein. Das Staunen über eine solche geballte Ladung an fossilen Funden, die bis zu 530 Millionen Jahre alt sind, war allerdings schon vorher groß. "Den Zuschlag habe ich erst kurz vor meinem Rückflug erhalten", sagt Schleich. Im letzten November machte der Wuppertaler Urlaub im südchinesischen Nanjing - reine Erholung war sein Besuch im Geologischen Museum aber nicht. "Von den Fossilien war ich sofort fasziniert", sagt der Museumsdirektor. "Innerhalb weniger Tage mussten die Verträge abgeschlossen und Genehmigungen eingeholt werden."

Dass auch Taiwan schon die Fühler ausgestreckt hatte, aber schließlich Wuppertal das Rennen um fossil erhaltene Insekten und Krebse machte, war darum nicht weniger spannend als der Transport: "Wir haben quasi ein ganzes Museum verschifft", erklärt Schleich. Nur weil das Museum in Nanjing renoviert wird, wurde die komplette Wanderausstellung auf große Reise geschickt.

Wenn die Ausstellung jetzt am Donnerstag um 18 Uhr eröffnet wird, soll sie - trotz aller Turbulenzen - komplett sein: Um die drei beschlagnahmten "Schätze" will das Museum kämpfen: "mit rechtlichen Mitteln".
Quelle: Westdeutsche Zeitung Dienstag, 3. April 2001